1998 wie alles begann

1998 wurde mein Nachbar Jürgen 50 Jahre. Zu diesem Anlass wünschte er sich als Eisenbahnfan, der sich immer noch an einer alten TRIX-Expreß Anlage auf dem Dachboden erfreut, eine Bahnreise im Maßstab 1:1. Im Vorgriff auf meinen 50-sten habe ich ihn dann einfach als ebenfalls Modellbahnbegeisterter begleitet. Unsere Wahl viel auf das wundervolle Angebot „eine Woche Glacier- und Bernina-Express“.

 

Schon die Anreise mit dem Zug war ein Erlebnis. Als es dann ab Chur mit der Rhätischen Schmalspurbahn nach Sankt Moritz über die kurven- und kehrtunnelreiche Strecke der Albulabahn ging, war das Staunen über eine so modellbahngerechte Strecke nicht mehr zu bremsen. In dieser Woche erlebten wir bei herrlichem Wetter wunderbare Fahrten über den Berninapass nach Tirano und wieder zurück mit dem Glacier-Express nach Zermatt sowie mit der Gornergradbahn zum Aussichtpunkt auf das berühmte Matterhorn.

 

Abends im Hotel wurden die Tageserlebnisse nochmals bei einem guten aber auch teueren Rotwein Revuepassieren  lassen. Dabei spannen wir natürlich auch über unsere Modellbahnanlagen, die bei Jürgen auf dem Dachboden und bei mir im Keller nie diese Dimensionen wie wir sie genossen hatten aufnehmen können. Im Hotel in Zermatt war in der Nähe des Foyers eine 0m- Anlage von Roco mit Fahrzeugen der Rhätischen Bahn als Schaustück aufgebaut. So was wär’s doch, nur mit mehr Platz und das im Garten. Da wir nur kleine Parzellen hinter unseren Doppelhaushälften besitzen, sollten gleich noch die ebenfalls eisenbahnbegeisterten beiden Nachbarn zwischen unseren Grundstücken mit machen. Dann könnten endlich Züge auch mal wohin fahren und wie in der Wirklichkeit dem Betrachter entschwinden. Uns war bei unserer Spinnerei natürlich klar, dass es bei den Wünschen bleiben wird. Es war aber schön auf der langen Heimfahrt über die BLS-Strecke darüber zu reden.

 

Eigentlich brauchten wir gar keinen Glacier-Express. Wir hatten doch in Neustadt an der Weinstraße  bis zum Jahr 1956 das meterspurige Gäubähnel, welches über die Dörfer in der Oberrheinischen Tiefebene nach Speyer zum Dom fuhr. Das wäre noch eine Nuance besser. So richtig mit Lokalkolorit. Zu Hause angekommen haben wir uns nicht so recht getrauen diese Roco Om-Anlage als gemeinsame Gartenbahnmöglichkeit vorzustellen. Nur beim gemeinsamen Grillen zu vorgerückter Stunde war das Thema Anlass zu fantasievollen Höhenflügen.

 

Dabei wurde die Baugröße 0m bald verworfen und Lehmanns Großbahn kam ins Gespräch. Immer noch sehr hypothetisch, dafür im Maßstab 1:22,5. Der Gedanke war nicht mehr zu verdrängen. Als ich beim Modellbahnhändler meines Vertrauen wegen Einkäufen zu meiner Spur N-Anlage vorsprach, standen dort mehrere Anfangspackungen zum 30. Geburtstag der LGB zum Sonderpreis. Die Bahn sah ja wirklich stabil und detailliert aus. Ich musste gleich einen Karton mitnehmen.

 

Natürlich wurde das Oval sofort in sommerlicher Hitze auf der Wiese installiert und der Zugbetrieb konnte beginnen.  Da als Anhänger Drehschemelloren mitgeliefert wurden, kam natürlich sofort eine Holzladung aus abgelängten Dachlatten darauf. Richtig was zum Anfassen. Die Aktivität auf dem Rasen lockte natürlich sofort Interessenten an. Jeder war mal am Regler. Aber im Kreis fahren war noch lange nicht die gewünschte Befriedigung, wie irgendwohin zu fahren. Es mussten mehr, viel mehr Schienen her. Jürgen hat sich in den nächsten Tagen auch die Anfangspackung geholt und ich mir noch eine zweite mit den letzten 60 cm Geraden, die es noch im Laden gab. Jetzt hatten wir schon ein paar Schienen mehr und konnten in Doppel- oder sogar Dreifachtraktion. Sehr interessant war auch das Studium des aus damaliger Sicht sehr üppigen LGB-Katalogs.

 




Unsere Nachbarn Dixi und Michael sahen sich das Ganze wohlwollend an, hielten sich aber noch zurück. Unsere Ehefrauen reagierten auf das Ganze mit ungespieltem Desinteresse. Sie erfreuten sich am meisten an dem im Dunkeln veranstalteten Lichterkorso mit Teelichtern und Wunderkerzen auf der fahrenden Ladung.




Im Laufe des Sommers brachte Dixis Sohn Holger eine große Holzkiste ins Spiel, die angefüllt mit Schienen, Weichen, Lokomotiven sowie Personen und Güterwaggons von LGB war. Er selbst war aus dem Eisenbahnspiel, welches er mit einem Freund auf dessen Grundstück und gemeinsamem Material gefrönt hatte, herausgewachsen. Das passte natürlich wunderbar, denn wir  erwachsenen Männer traten gerade wieder in diese Phase ein. Es war wie Weihnachten im Sommer. Endlich eine längere Strecke über die beiden Gärten von Dixi und mir hinweg, die noch nie einen trennenden Zaun gesehen hatten.  Mit richtigen Endbahnhöfen und Dank der Weichen mit Ausweich- und Abstellgleisen zum Rangieren. Plötzlich tauchten Blechtraktoren, Playmobilfiguren und -häuser sowie weiteres annähernd zum Maßstab passendes Zubehör auf. Wir konnten richtig Betrieb machen und hatten alle einen köstlichen Spaß dabei. Abschaltbare Gleisabschnitte und Lokomotiven erlaubten einen interessanten Betrieb mit Personenzügen und Güterverkehr.

 

Leider wurden zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Fotos gemacht.

 

Der fliegende Aufbau verschwand nach dem Gartenbahnwochenende wieder, was unsere Frauen gerne zur Kenntnis nahmen. Über den Herbst und Winter schlummerte die Bahn in Kisten und Kartons auf Dachböden und in Kellern.

 

So intensiv, wie alles begann, war es auch wieder vorbei.


wird fortgesetzt


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